Kein Weg mehr zurück ans Wasser.
Lyrik
Von See und Gras
GedichteMan müsste den Orten das Eigene lassen:
Es war mein See (ich fand ihn vor Zeiten unter einem herrlichen Sonnenaufgang).
Es war unser See (wir liebten uns an seinem Ufer, bis uns die Sinne schwanden).
Jetzt wächst ein neues Gras an seiner stillen Küste,
das nicht den Abdruck unserer Körper kennt.
Doch das Gras kümmert es nicht.
Und der geheime See trägt wie immer
funkelnde Wellen im Mittagslicht.
Der See, dessen Wasser so klar ist (du siehst Muscheln und Krebse am Grund).
Der See, auf dessen Böschung (sehr nahe der Kante) ein verlassenes Vogelei liegt.
Um das niemand ein schützendes Nest hat gebaut.
Doch den See kümmert es nicht.
Was war, verblasst.
Ich lasse dem Ort das Eigene
Und er ist wie immer zuvor.
Abends
GedichteEs gibt unzählige Arten von Stille
Und wie sie die Räume am Abend durchmisst.
Ich liebe die Stille,
Wenn die Nacht und ich
Uns gelassen ineinanderfalten –
Lesend, Schreibend,
Kein Geräusch vermissend.
Stille,
Die summend
In meinen Adern rauscht;
In der jeder Gedanke
wie ein Abdruck haften bleibt.
Bis der Regen einsetzt und
An die Dachfenster trommelt,
Als ob er um Einlass bäte.
Dann strecke ich Worte wie Hände aus
Und werde gehalten.
Dorfsonntag
Gedichte
Sonntagsruhe über dem Dorf.
Vereinsamt die krummen Gassen,
In denen neidisch enge Giebel
Nach ihren Nachbarn schielen.
Ein schwerer Himmel ist darüber aufgehängt,
Den selbst der Pfarrer nicht zu heben weiß.
Und ohne Wunder ging auch diesmal seine Predigt
Vorüber an der Handvoll Leutchen
In ihrer immer gleichen Bank.
Nur auf dem kleinen Kirchhof,
Mit den im Wettbewerb gepflegten Gräbern,
Ist Leben:
Unterm alten Eibisch leuchten Winterlinge
Wie kleine Sommer auf.
Herab vom buckligen Kapellendach
Ruft sehnsuchtsvoll die Ringeltaube
Nach ihrem neuen Liebsten.
Ungeborgen
GedichteDie blauen Träume
Ließen dich allein
Mit aschenem Lächeln
Flussaufwärts
Flussabwärts
Bist du nun geborgen
Auf grauem Stein
Ich spreche kein Wort Isländisch. Dennoch ist sind diese Verse eine Art „Übersetzung“. Auf Olafur Arnalds wunderbarer Platte „Island Songs“ spricht der isländische Dichter Einar Georg ein seltsam berührendes Gedicht. Ein Gedicht, das schon wie eine Musik klingt, längst bevor die musikalische Begleitung einsetzt. Ich weiß nicht, wovon es handelt. Nur, dass es mich nicht loslassen wollte in den letzten Tagen. Eines Abends sangen diese isländischen Verse in meinem Kopf und mir kamen Worte in meiner eigenen Sprache in den Sinn. Als ich am nächsten Tag am Fluss entlang ging, entstand dieses kleine Gedicht – beinahe wie von selbst. Ich habe erst versucht, noch mehr von dem Gedicht zu „übersetzen“, aber schnell gemerkt, dass alles, was ich dazu fühle, schon in diesen wenigen Zeilen liegt.
Durchs Tal
GedichteDie Hände in wärmende Taschen vergraben
entschlossene Schritte setzen durchs Tal.
Über halb Gefrorenes, fast Geschmolzenes
beinahe ohne ein Straucheln gehen.
Auch das farbverlorene Land wankt noch
zwischen Erstarrung und Aufbruch.
Zaghaft singen Vögel
aus den Grauschatten
schmaler Buchenstämme.
Knisternd taut am Abhang
der stumpf gewordene Schnee.
Und hier geht es zur Hörversion: Durchs Tal auf youtube
Hörgedichte
GedichteLiebe Bloggerfreunde,
weil ich heute beim Einsprechen meiner Gedichte so schön im Schwung war, habe ich gleich auch meinen Lieblings-Rilke aufgenommen und kredenze ihn Euch als Wort zum Sonntag, gewissermaßen (aufnahmetechnisch wie immer semiprofessionell, vom eigenen Tonstudio träume ich noch 😉 .
Zu den gesprochenen Poeta-Gedichten geht es hier: Poeta-Gedichte auf youtube. Die Idee ist es, Stück für Stück alle Texte auf meinem Blog immer auch in einer Hörfassung anzubieten. Wünsche Euch einen schönen Abend und einen guten Start in die neue Woche!
Sirius
GedichteUnterm Wolfsstern
Diesem zweigesichtigen
Unheilsverkünder
Haben wir gesessen
Und Liebe gespielt.
Wie ein Ertrinkender
An mich geklammert
Warfst du dein Gefühl
Bis an den Rand
Des Sternensystems.
Doch bald schon flackerte dein Blick
Wie das Gestirn
Unter dem Gift deiner Gedanken.
Auf immer
Ziehst du, Doppelgesichtiger,
Ruhlos über das Meer.
Und hier geht es zur Hörfassung: SIRIUS auf youtube
Foto: Stephan Schrön (zum Sterne fotografieren fehlt mir die Technik :-))
Mönchin
Gedichte
Bedecke deine Wangen mit schwarzer Erde
Und dein Haar mit Sternenmoos.
Im windverwehten Laub am Fuß des Felsen
Sollst du Teil des schlafenden Waldes sein.
Werde still,
Verwachse mit der Landschaft,
Vermesse sie mit Worten
Und flüstere Geheimnisse von Fels zu Baum.
Trotze dem Westwind,
Lege ein Gefühl um jeden Hügel
Und atme ein –
Die Luft, sie schmeckt verheißungsvoll.
Als Mönchin vor der Welt verborgen
Lässt du Worte wie einen wärmenden Fluss
In die winterlichen Lande strömen.
Und die Lande flüstern zurück:
Hier bist du geborgen.
Lichtfänger
Gedichte
Kreuzworte in meinem Kopf.
Kreuzigende Worte,
Worte wie Speerspitzen
Oder wie feine Nadeln,
Die sich unter die Haut schieben
In Augenblicken der Schwäche.
Wenn der Regen, ein Tränenstrom,
Die funkelnde Schneehaut
Von den Hügeln spült
Und das nackte, braune Land darunter
Entblößt.
Barfuß stehe ich
In den schlammigen Wassern
Und öffne die Hände,
Damit sich das kommende Licht
Zwischen meinen Fingern
Fängt.
Und hier geht es zur Hörversion dieses Gedichtes: Lichtfänger auf youtube