Anker in der Zeit

Fotos, Miniaturen

Dinge, die sich nicht ändern, sind wie Anker in der Zeit. Wie die Tauben auf dem Dachfirst des Waldhofes, die seit Jahr und Tag Morgensonne auf dem Gefieder haben. Wie der Waldhof selbst, wo der Großvater die Kühe zur Weide trieb, dann der Vater und nun der Sohn. Wie der Eichenhain, unweit meines Hauses, in dem ich früher schaukelnd und mit zerkratzten Wangen in den Ästen hing. Über viele Jahre versperrten weidende Hochlandrinder den Weg zu den Bäumen. Nun ist das Wäldchen wieder zugänglich. Wie einst stehen die alten Bäume unbeeindruckt im Fluss der Zeit. Nicht unverändert: dreißig Jahre sind selbst für Bäume eine kleine Ewigkeit und zwischen den mächtigen Stämmen recken nun auch die Toten ihre letzten Äste wie silberne Arme in den Himmel … Zwischen den Wurzeln schlummert immer noch Unrat, vor Jahrzehnten hingeworfen und nun halb versunken, halb verschlungen vom Grün. Was haben wir als Kinder da alles gefunden: Bunte Scherben, alte Flaschen, Töpfe und Pfannen. Nichts davon heil und doch alles gut genug noch für unser Spiel. Gegenüber die Löwenzahnwiese und der kleine Bach, aus dem wir Wasser zum Kochen in löchrige Töpfe schöpften. Alles noch da.
Dinge, die geblieben sind, haben etwas Beruhigendes, sind Heimat und Anker zugleich.

 

 

 

Hautsee

Gedichte
Lost place,
denke ich,
am See meiner Kindheit,
den die Brennesseln belagern
und die gefallenen Baumriesen,
schlafend unterm Moos.
Dort ist der kleine Sandstrand
unsichtbar geworden,
an dem ich zehenbohrend stand
und nicht ins Wasser durfte:
Deine Lippen, Kind, sind noch ganz blau.
Gegenüber war die sagenumwobene, schwimmende Insel,
die inzwischen unterging
in verlandenden Ufern
oder verschwand,
wie das Land, aus dem ich kam.
Der Wald rückte vor
und unsere Wiese eifriger Spiele
überranken nun dornige Lianen –
undurchdringliches Dickicht.
Stimmen und Gelächter hängen
wie vergessene Echos
im Astwerk.
Verloren gegangener Ort.

Kein Weg mehr zurück ans Wasser.

Der Hautsee bei Dönges ist ein kleiner See, der vor Jahrhunderten durch einen Erdfall enstand. Eine natürliche Insel aus Torf mit Moorbirken darauf – die wie Haut auf der Milch an der Seeoberfläche schwimmt – macht ihn in ganz Thüringen einzigartig. Ich habe dort als Kind schwimmen gelernt. Der See erschien mir damals um ein vielfaches größer. Inzwischen ist er ein Naturdenkmal. Wo früher die Liegewiese der Badenden war, ist er wie ein Dornröschenschloss umwuchert.

Von See und Gras

Gedichte

Man müsste den Orten das Eigene lassen:
Es war mein See (ich fand ihn vor Zeiten unter einem herrlichen Sonnenaufgang).
Es war unser See (wir liebten uns an seinem Ufer, bis uns die Sinne schwanden).
Jetzt wächst ein neues Gras an seiner stillen Küste,
das nicht den Abdruck unserer Körper kennt.
Doch das Gras kümmert es nicht.
Und der geheime See trägt wie immer
funkelnde Wellen im Mittagslicht.
Der See, dessen Wasser so klar ist (du siehst Muscheln und Krebse am Grund).
Der See, auf dessen Böschung (sehr nahe der Kante) ein verlassenes Vogelei liegt.
Um das niemand ein schützendes Nest hat gebaut.
Doch den See kümmert es nicht.
Was war, verblasst.
Ich lasse dem Ort das Eigene
Und er ist wie immer zuvor.

Fragment

Miniaturen

Wie ein Vogel flattert dein gefangenes Herz an meines, wenn wir liegen
eng verschlungen, Haut an Haut.
Es schlägt für einen innigen Augenblick in meiner Brust.

Später: bergauffließende Wasser voll von Erinnerungen, die du heimlich auf goldrote Ahornboote häufst und mit der Strömung treiben lässt.

Mit dir fließen alle Wasser in meine Richtung.