Vom Wasser

Gedichte

Immer und immer zieht es mich zum Wasser
Bewegung, Spiegelung und Stille, die rauscht
Unbekümmertes Fließen
Unergründliche Tiefe
Wasser, in das die Gedanken hinabsteigen
Wasser, das davon trägt, was mich beschwert

Meine Wasser:
Unter aufgehender Sonne rauchende Seen am Morgen
Flüsse, auf denen der Nebel tanzt und Gold spazieren geht
Moorige Waldtümpel, in denen Blätter wie Boote treiben
Muntere Bächlein, funkelnd zwischen Farnen und Moos

Und das Meer
Das unbeschreiblichste aller Wasser
Das nachts in meinen Träumen singt
Ich kann ein Jahr oder zwei ertragen
Ohne schneebedeckte Gipfel
Zu lange vom Meer entfernt aber
Verstummen auf Zeit mir alle Lieder

Der Albertsee zwischen Marksuhl und Dönges ist auch so ein Lieblingswasser. Einer unserer geheimnisvollen Erdfallseen. In alten Zeiten hieß er Elfensee. Ich habe sie tanzen sehen, neulich Morgen über den Wassern…

Lietebaum

Gedichte
Manche sagen, dieser Ort ist heilig
Und dass dort etwas zwischen Baum und Borke wohnt
Unter den mächtigen Wurzeln schläft
Vielleicht eine Göttin
Vielleicht die Seele aller Hügel
Die sich in Wellen ziehn zum Horizont
Ein Baum so alt, wie die Landschaft weit ist
Die er bewacht
Ein Hüter von Geheimnissen
Ein Verwahrer von Sorgen
Ein Ort der Wünsche
hinaufgewispert ins Astwerk, wo schon die Sterne ruhn
Winter um Winter
Sommer um Sommer
Sah er uns kommen und gehen
Erklimmend den Herzberg
Zu zweien mit Hoffnung

Und mit Sehnsucht allein

Auf windumspielter Höhe
Zwischen Wacholdern, Weißdorn
Und wogendem Gras
Widersteht er allem Wandel
Und kleinmenschlichem Ringen
Mit heiligem Gleichmut

Herzweise – Anthologie

Gedichte

Mail-Anhang

 

Gedichte sind vergleichbar mit Prismen. In ihnen bricht sich die Wirklichkeit – in ganz eigener Färbung scheint sie bereits durch eine Handvoll Silben hindurch. Gleichermaßen sichtbar für den Verstand wie für das Herz wird der so verdichtete Moment zum lesbaren Bild. 100 solcher „Verdichtungen“ versammelt die hochwertig gebundene Anthologie „Herzweise“. Fünf Autorinnen und Autoren der Gegenwart, deren Texten das Gefühlsintensive und Musikalische gemeinsam ist, geben darin einen Einblick in ihr facettenreiches Werk.
Ihre Lyrik haben sie unter anderem in Internetblogs veröffentlicht. Dort lernten sie ihre gegenseitigen Arbeiten kennen, schätzen und inspirierten einander vielfach. So entwickelte sich mit der Zeit ein reger Austausch über poetische Schaffensprozesse, der nun in einem Buch seinen Weg in die Sichtbarkeit findet. Initiatorin des Projektes ist die Münchner Autorin Hannah Buchholz, die gemeinsam mit dem Lyriker Ángel María Perezáno als Herausgeberin der Anthologie auftritt.
Zu ihnen gesellen sich mit Diana Jahr, Simone Lucia Birkner und Sandra Blume drei weitere Stimmen, die es verstehen, die mannigfaltigen Eindrücke des Lebens mit großer Sensibilität zu einem harmonischen Klangteppich zu verweben. Die vier Dichterinnen und Perezáno gehen zwischen den Buchdeckeln eine poesievolle Verbindung ein, erschaffen mit ihrem je eigenen Akzent eine kraftvolle, von großer Sinnlichkeit getragene Lyrik und lassen den Leser herzweise an ihrem besonderen Blick auf die Welt teilhaben.

Die Anthologie „Herzweise – 100 Gedichte der Gegenwart“ erscheint im Herbst 2017.

Hautsee

Gedichte
Lost place,
denke ich,
am See meiner Kindheit,
den die Brennesseln belagern
und die gefallenen Baumriesen,
schlafend unterm Moos.
Dort ist der kleine Sandstrand
unsichtbar geworden,
an dem ich zehenbohrend stand
und nicht ins Wasser durfte:
Deine Lippen, Kind, sind noch ganz blau.
Gegenüber war die sagenumwobene, schwimmende Insel,
die inzwischen unterging
in verlandenden Ufern
oder verschwand,
wie das Land, aus dem ich kam.
Der Wald rückte vor
und unsere Wiese eifriger Spiele
überranken nun dornige Lianen –
undurchdringliches Dickicht.
Stimmen und Gelächter hängen
wie vergessene Echos
im Astwerk.
Verloren gegangener Ort.

Kein Weg mehr zurück ans Wasser.

Der Hautsee bei Dönges ist ein kleiner See, der vor Jahrhunderten durch einen Erdfall enstand. Eine natürliche Insel aus Torf mit Moorbirken darauf – die wie Haut auf der Milch an der Seeoberfläche schwimmt – macht ihn in ganz Thüringen einzigartig. Ich habe dort als Kind schwimmen gelernt. Der See erschien mir damals um ein vielfaches größer. Inzwischen ist er ein Naturdenkmal. Wo früher die Liegewiese der Badenden war, ist er wie ein Dornröschenschloss umwuchert.

Von See und Gras

Gedichte

Man müsste den Orten das Eigene lassen:
Es war mein See (ich fand ihn vor Zeiten unter einem herrlichen Sonnenaufgang).
Es war unser See (wir liebten uns an seinem Ufer, bis uns die Sinne schwanden).
Jetzt wächst ein neues Gras an seiner stillen Küste,
das nicht den Abdruck unserer Körper kennt.
Doch das Gras kümmert es nicht.
Und der geheime See trägt wie immer
funkelnde Wellen im Mittagslicht.
Der See, dessen Wasser so klar ist (du siehst Muscheln und Krebse am Grund).
Der See, auf dessen Böschung (sehr nahe der Kante) ein verlassenes Vogelei liegt.
Um das niemand ein schützendes Nest hat gebaut.
Doch den See kümmert es nicht.
Was war, verblasst.
Ich lasse dem Ort das Eigene
Und er ist wie immer zuvor.

Ziellos vergnügt

Fotos

Man müsste den gaukelnden Flug eines Schmetterlings einfangen können. Diese wackelige Anmut. Diese scheinbar ziellos vergnügte Fortbewegung in warmer Sommerluft. Wenn die Tage und Gedanken besonders grau sind, muss man Schmetterlinge bewundern gehen. Vielleicht in warmen Tropenhäusern. Ich glaube, es ist unmöglich betrübt zu sein, wenn man einem Schmetterling beim Fliegen zusieht.

Ein Tag, der am Fluss beginnt

Fotos, Miniaturen

Wenn der Tag anbricht, muss man unten am Fluss sein. Sein Wasser träumt keine Träume, wünscht keine Wünsche. Es fließt. Gemächlich. Unaufhörlich. Und Nebel tanzen darüber hin. Nun kann alles werden. Alles ist möglich an einem Tag, der am Fluss beginnt.

(Fotos: Sandra Blume/Poeta – die Bilder sind unbearbeitet. Es sah genauso aus heute morgen an der Werra)

HERZWEISE

Gedichte

Schon die Anfrage vor einigen Wochen war eine wunderbare Überraschung: Im Herbst dieses Jahres wird im Münchner Verlag in der Lindenstraße eine Anthologie, unter anderem mit 20 Gedichten von mir, erscheinen. Heute kam der Verlagskatalog mit der Ankündigung heraus. Ich freue mich sehr, sehr – auch über die äußerst gelungene Gestaltung des Buches. Die Blogs der anderen Autoren zu besuchen, kann ich nur empfehlen – da ist sehr gute Lyrik zu entdecken! Ich habe nun die Qual der Wahl, mich für 20 Gedichte entscheiden zu müssen…

Blatt_Herzweise

Abends

Gedichte

Es gibt unzählige Arten von Stille
Und wie sie die Räume am Abend durchmisst.

Ich liebe die Stille,
Wenn die Nacht und ich
Uns gelassen ineinanderfalten –
Lesend, Schreibend,
Kein Geräusch vermissend.

Stille,
Die summend
In meinen Adern rauscht;
In der jeder Gedanke
wie ein Abdruck haften bleibt.

Bis der Regen einsetzt und
An die Dachfenster trommelt,
Als ob er um Einlass bäte.

Dann strecke ich Worte wie Hände aus
Und werde gehalten.

Märzglöckchen

Fotos

Allerliebste Märzglöckchen habe ich heute im Hainich-Urwald gefunden. Ganze Teppiche haben sich unter den noch lichten Buchen ausgebreitet. Und ja, ich weiß, es sind eigentlich MärzenBECHER. Aber sie sehen doch vielmehr wie Glöckchen und nicht wie Becher aus, finde ich. Und dann entdecke ich – über die Glöckchen-oder-Becher-Frage nachgrübelnd – bei Wikipedia, dass der Name Märzglöckchen ebenfalls richtig ist. Und weil es im Märzglöckchen-Hain sitzend so schön ist, über Blumennamen nachzudenken, habe ich auch gleich das Schneeglöckchen nachgesehen. Und hach, welch reiche Namensbeute! Man nennt das Schneeglöckchen auch: Hübsches Februar-Mädchen, Lichtmess-Glöckchen, Märzveilchen, Marienkerze, Milchblume, Schnee-Durchstecher, Schneetulpe, Weiße Jungfrau oder Weißglatze.
Ich freue mich also künftig auf hübsche „Februar-Mädchen“, wenn im Januar die ersten grünen Spitzen im Garten das alte Laub durchbrechen.