Anker in der Zeit

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Dinge, die sich nicht ändern, sind wie Anker in der Zeit. Wie die Tauben auf dem Dachfirst des Waldhofes, die seit Jahr und Tag Morgensonne auf dem Gefieder haben. Wie der Waldhof selbst, wo der Großvater die Kühe zur Weide trieb, dann der Vater und nun der Sohn. Wie der Eichenhain, unweit meines Hauses, in dem ich früher schaukelnd und mit zerkratzten Wangen in den Ästen hing. Über viele Jahre versperrten weidende Hochlandrinder den Weg zu den Bäumen. Nun ist das Wäldchen wieder zugänglich. Wie einst stehen die alten Bäume unbeeindruckt im Fluss der Zeit. Nicht unverändert: dreißig Jahre sind selbst für Bäume eine kleine Ewigkeit und zwischen den mächtigen Stämmen recken nun auch die Toten ihre letzten Äste wie silberne Arme in den Himmel … Zwischen den Wurzeln schlummert immer noch Unrat, vor Jahrzehnten hingeworfen und nun halb versunken, halb verschlungen vom Grün. Was haben wir als Kinder da alles gefunden: Bunte Scherben, alte Flaschen, Töpfe und Pfannen. Nichts davon heil und doch alles gut genug noch für unser Spiel. Gegenüber die Löwenzahnwiese und der kleine Bach, aus dem wir Wasser zum Kochen in löchrige Töpfe schöpften. Alles noch da.
Dinge, die geblieben sind, haben etwas Beruhigendes, sind Heimat und Anker zugleich.

 

 

 

Ein Tag, der am Fluss beginnt

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Wenn der Tag anbricht, muss man unten am Fluss sein. Sein Wasser träumt keine Träume, wünscht keine Wünsche. Es fließt. Gemächlich. Unaufhörlich. Und Nebel tanzen darüber hin. Nun kann alles werden. Alles ist möglich an einem Tag, der am Fluss beginnt.

(Fotos: Sandra Blume/Poeta – die Bilder sind unbearbeitet. Es sah genauso aus heute morgen an der Werra)

Königsmorgen

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Wintermorgen an der Werra. Ein leises Leuchten überm Grau und sich lichtender Nebel. Beginnender klarer Tag. Alle Dinge besetzt mit tausend funkelnden Edelsteinen. Der alte Gartenstuhl an der Bushaltestelle wird zum Thron im Licht der ersten Sonnenstrahlen. Ein königlicher, klarer Montag. Heute schlage ich eine neue Seite auf.

Fragment

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Wie ein Vogel flattert dein gefangenes Herz an meines, wenn wir liegen
eng verschlungen, Haut an Haut.
Es schlägt für einen innigen Augenblick in meiner Brust.

Später: bergauffließende Wasser voll von Erinnerungen, die du heimlich auf goldrote Ahornboote häufst und mit der Strömung treiben lässt.

Mit dir fließen alle Wasser in meine Richtung.

Unter deiner Haut

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Dein Körper – eine Landschaft.
Meine Hände wandern zu gern
über die seidenweiche Textur deiner Haut.
Gehen auf Entdeckungsreise in einem neuen Land,
das noch aufregend fremd vor mir liegt.

Lustvoll bereise ich Hügel und Täler.
Erkunde jeden Spalt und jede Wölbung,
erfühle auch Narben, die keiner sieht…
Unter meinen Fingern zieht dein Leben vorbei.
Verborgenes wird sichtbar.

Ich atme dich ein, bis ich ankomme unter deiner Haut.

Frühlingsknistern

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Als ich heute morgen aus dem Hause trat, knisterte die Welt. Es klang, als gingen winzigkleine Regentropfen auf altem Laub nieder. Als würde Brausepulver prickelnd auf der Zunge zergehen. Doch meine ausgestreckte Hand blieb leer. Lauschend stand ich. Hochte in den Garten hinein und zum Feldweg hinaus. Das Knistern drang aus der Erde herauf. Als würden sich Millionen Poren gleichsam öffnen und wieder schließen. Denn der Morgen war kalt. Es war, als atmete die Erde prüfend die Luft ein und langsam wieder aus, wobei die letzten Eiskristalle auf ihrer Kruste knisternd zersprangen. Am Nachmittag habe ich die Gartenstühle aus den Winterverstecken befreit. Über den pastellblauen Himmel zogen Kraniche. Von Süd nach Nord.

©Poeta 2016

 

Mit Liebe betrachtet

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Heute Morgen bin ich einmal mehr meiner Lieblingsbeschäftigung nachgegangen und habe den Sonnenaufgang genossen. Mit kalten Händen und geröteten Wangen. Fünf Minuten Licht gefrühstückt, innegehalten auf dem Weg zum Tagwerk. Die Welt wäre ganz sicher ein besserer und entspannterer Ort, würde es mehr Sonnenaufgangsgenießer geben. Nun könnte man einwenden, dass nicht jeder das Glück hat, am Morgen auf bezaubernden kleinen Landstraßen einer überherrlichen Gegend unterwegs zu sein. Genaugenommen aber ist dieses Hügelland schlicht. Es ist von maßvoller mitteldeutscher Lieblichkeit, wie sie beinahe überall vorkommt. Einzigartig wird es, weil ich es mit Liebe betrachte.

©Poeta 2016