Das ist immer noch das Land

Gedichte

Das ist immer noch das Land
Aufleuchtender Dörfer
Im Mosaik der Felder.
Aus den roten Dächern
Über Fachwerkgiebeln
Ragen immer noch unverzagt
Die Türme der Kirchen.
Hinterm Ortsschild weidet das Vieh
Auf schäumigen Wiesen.
Umrahmt von dunstigen Wäldern
Zwischen den rollenden Hügeln
Überzogen mit Schlehen
Kennen die Dörfer die Stille
Beim Einatmen der Jahreszeiten.
Ihre holpernden Gassen
Ausatmen Erinnerung an
Sonnige Kindertage
An währende Momente
Kostbar unvertakteter Zeit.

Die Dörfer sind der Ursprung des Landes
Sind Seelenknoten seiner Topographie
Sind ausblutendes Netz aus Traditionen
Und sich leise verlierender Funktion – –

Das ist immer noch das Land
Aufleuchtender Dörfer
(Im Mosaik der Felder)
Um die ich meine Hände
Wenn ich könnte
Sachte schützend lege.

 

Text & Foto Sandra Blume, September 2017

Found place – Schloss Reinhardsbrunn

Fotos

Am Wochenende habe ich wieder einen scheinbar verlorenen, einen sich allmählich verlierenden Ort gefunden. Kloster Reinhardsbrunn war einst die Grablege der Thüringer Landgrafen. Das auf den Resten des Klosters entstandene neogotische Schloss aus dem 18. Jahrhundert beherbergte viele berühmte Häupter – unter anderem mehrmals Königin Victoria. Leider geriet es nach der Wende zum Spekulationsobjekt und steht seit 2004 leer. Zum Schutz vor Vandalismus sind die Tore von Schloss und Park seit einigen Jahren fest verriegelt und öffnen sich nur zu gelegentlichen Führungen. Das leise verfallende Schloss zu sehen, war ein berührendes Erlebnis, das mich gleichermaßen verzückt und traurig gemacht hat. Aber es gibt noch Hoffnung für das Objekt: seit Frühjahr dieses Jahres läuft das Enteignungsverfahren und Thüringen betritt juristisches Neuland, um das Schloss zu retten.


Fotos: Sandra Blume

Sommerende

Gedichte

Über uns sind
Fliehende Himmel
Sturmwind haben wir
Und Krähen im Haar
Wipfel tanzen
Im Trommelregen
Hardcore Metal
Und schütteln aus
Das erste tote Laub
Mottenzerfressene
Kastanienblätter
Fegen schon kratzend
Über den Asphalt
Wir stöhnen
„Herbst“
Im schwindenden Licht
Und fröstelnd
Am Abend

Aber die Brombeerranke
Die Widerspenstige
Treibt unverdrossen
Neue Blüten

 

Text & Fotos Sandra Blume, September 2017

 

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Herbstzug

Gedichte

Am Morgen wogt Nebel im Tal,
Gleist Sonne vorm Offenen,
Umschwärmen Uferschwalben
Das Haus auf dem Hügel.
Unter zweihundert Flügelschlägen
Wird der Erker Steilküste,
Der Balkon Schiffsbug.
Wann stichst du
In See?
Andere haben Sonntag.
Fernlandig: Glockenläuten.
Wir ruhen auf den Nebelbänken,
Am Sammelpunkt der Gefühle
Für den Zug in den Herbst.

 

Text & Foto Sandra Blume, August 2017

Angrenzend

Gedichte

Drinnen war es friedlich
Als sie den Kopf an seine Schulter legte
Vorm Fenster stand Hitze
Als Nachbars Hahn zu krähen begann
Das Windspiel klimperte verloren
Als er sie behutsam auf seinen Körper zog

So lagen sie dämmernd
Und wie eins auf den Kissen
Ganz still umarmt
Als der Nachmittag verann
Und ihr Atem hob und senkte sich
Wie eins
Als der Hahn von neuem zu krähen begann

Und als er zum siebenten Male krähte
Da hob sie ihr Hemd
Da hob sie sein Hemd
Und presste Haut auf sehnsuchtsvolle Haut

So lagen sie friedlich lange
Und sagten kein einziges Wort
Als ihre Häute allmählich begannen
Dort, wo sie angrenzten
Zusammen zu wachsen.

Text & Foto Sandra Blume, 2017

 

Vogelherz

Gedichte

Als ich am Morgen erwachte
Hielt ich plötzlich in meinen Händen
Sein Herz.
Sachte hatten meine Finger
Einen Käfig geformt.
Darin lag es nun warm und pochend
Und schmiegte sich zitternd an meine Haut.
Ein unbeschreibliches Gefühl,
Bis ich meinte, Federn zu spüren
Und die Hände öffnete, um nachzusehen.
Da merkte ich, dass ich einen Vogel hielt
Zum Abflug gerade bereit.

Text & Foto Sandra Blume Juni 2017

Am Muschelsaum

Gedichte
Am Muschelsaum des Meeres
Knirscht Zerschelltes unter den Füßen
Liegt, worauf die Wasser verzichten
Flattern Fetzen von Tang im Wind
Mit scharfem Schnabel wenden die Möwen
Vergangenes, Ausgeworfenes und
Glänzendes im Schlick
Während Welle um Welle
Neuen Nachlass ausgießt

In den salzigen Spülsaum der Zeit

Wir aber gehen unterm Gesang der Vögel
Und sammeln Erinnerungen ein
Muscheln, Stöcke und Steine
Die vielleicht überdauern

Oder die wir später woanders verstreuen

Am Horizont ziehen große Schiffe
Mit Hoffnung im Bauch zur See

 

Fremdgehen, jung bleiben – Folge 18: Sandra Blume — DAS GEDICHT blog

Gedichte

In der Onlineausgabe der Literaturzeitschrift DAS GEDICHT gab es eine Kolumne zu meinem Gedicht Schattenspuren, worüber ich mich sehr gefreut habe…

Junge Lyrik sieht sich selbst oft als eine Quelle der Innovation. Die Schnelllebigkeit der modernen Sprache, die Vielfalt der heutigen Gesellschaft mit all ihren frischen Einflüssen aus Ost, West, Süd und Nord verändern auch die Literatur tiefgreifend. Und so legt Leander Beil an jedem 8. des Monats den Fokus auf das kulturell und sprachlich Andere,…

über Fremdgehen, jung bleiben – Folge 18: Sandra Blume — DAS GEDICHT blog

Es war

Gedichte

Es war das Jahr,
in dem wir die Schmetterlinge vermissten
als wir durch die blühenden Gärten gingen,
Hand in Hand.

Es war das Jahr,
in dem es stiller wurde zwischen den Blüten,
weil Volk um Volk der Bestäuber
plötzlich spurlos verschwand.

Es war das Jahr, in dem wir bemerkten,
dass unsere Idylle trügerisch war,
dass der unermessliche Vorrat an allem
sich aufbrauchte
und dass das Aufbrauchen unaufhaltsam war.

Es war das Jahr, in dem wir fast verzweifelt
mehr und mehr Blumen säten.
Und den Sommer einatmeten,
als ob er der letzte wäre dieser Art.

Es war das Jahr,
in dem wir einander so innig hielten,
als flöge uns die Zukunft
mit den Schmetterlingen davon.

 

Text & Foto: Sandra Blume 2017

DER FUCHS – oder vom Vertrautwerden

Fotos, Prosa

Bitte zähme mich, sagt der Fuchs zum kleinen Prinzen und lehrt ihn, dass es Geduld braucht und Behutsamkeit, sich jemanden vertraut zu machen. Und dass man verantwortlich ist, für das, was man gezähmt hat.
Es gab eine Reihe versuchter, gescheiterter und geglückter Zähmungen in meinem Leben …
Nun gibt es einen Fuchs. Ich habe ihn nicht gezähmt, aber ihn mir vertraut gemacht. Ihn an meinen Geruch gewöhnt und an das Klicken der Kamera – so lange ich nicht zu nahe sitze. Was zunächst als Entdeckungsreise mit meiner Tochter begann, hatte mich zusehends gepackt: Versteckt im hohen Gras hatten wir uns, barfuss und gegen den Wind, bis auf wenige Meter herangeschlichen an den Fuchsbau und konnten für einige Minuten zwei Jungfüchse beim Spielen beobachten. Als ich mich zum Fotografieren aufrichtete, knurrte die Fähe und beorderte ihre Jungen mit einem heiseren Bellen zurück in den Bau.

Auch am nächsten Tag war der kleine Fuchs wieder schneller als meine Kamera. Er saß am oberen Ausgang des Fuchsbaus zwischen den Brennesseln und hatte mich viel früher entdeckt als ich ihn. Vermutlich hatte er sich köstlich über meine indianischen Anpirschversuche amüsiert. Wir haben uns aufmerksam eine Weile angesehen, der Fuchs und ich, dann ist er weggehuscht. Die Kamera hatte ich nicht einmal angehoben. Ich habe mich dann still eine Weile ins Gras gekauert, bis ich sah, dass er aus dem unteren Eingang des Baues herausblickte: aufmerksam und in Richtung meines Versteckes. In diesem Moment kam die kleine Blume über die Wiese geschlendert, die über den Gräsern und spannenden Insekten weit zurück geblieben war, mich aus den Augen verloren und die Sache mit der Fuchspirsch unterdessen vergessen hatte. „Da bist du ja Mama!“ rief sie erleichtert, als sie mich entdeckte. Ich hätte schwören können, dass mich der junge Fuchs fast ein bisschen mitleidig ansah, bevor er endgültig im Bau verschwand.
Nun aber war mein Ehrgeiz geweckt. Es musste doch möglich sein, ein Foto zu machen. Ich probierte es am Mittag und am Nachmittag, am Abend und am nächsten Tag. Langsam kannte ich alle Fuchswege im Eichenhain und lief auf ihnen durch die hohen Brennesseln, durch Wiese und Wäldchen. Allmählich konnte ich die Jungfüchse unterscheiden. Ich fand ein besseres Versteck zwischen Klettkraut, Holunder und einem alten Kirschbaum – unweit vom Fuchsspielplatz entfernt. Ich wartete geduldig. Ich zählte die Ameisen am Baumstamm und die Blattläuse auf dem Holunderzweig. Ich horchte auf die Wildtauben und beobachtete das Falkenpaar, das in den Eichenwipfeln hauste. Und dann kam mein Fuchs aus dem Bau geschnürt. Die Nase keck erhoben, schnupperte er einmal um den Spielplatz – bis er mich gefunden hatte. Und er verschwand nicht, sondern ließ mich – mir in die Kamera blickend – dieses Mal Fotos machen. Die Gunst währte nicht lange, dann huschte er zurück in den Bau und kam mit seinen Brüdern wieder herausgejagt. Sie flitzen über die Wiese, unterm Holunder hindurch zum oberen Fluchttunnel hinein und unten aus dem Bau wieder hinaus. Das ging so eine ganze Weile.
Dann kam der Moment, an dem ich übermütig beschloss, mich noch ein Stück den Hang hinauf zu wagen, mich direkt am Tunnelausgang hinter einem Holunderbusch niederzulassen und auf ein spektakuläres Foto Auge und in Auge mit meinem Fuchs zu warten. Und ich wartete lange. Doch die Füchse blieben an diesem Tag verschwunden, ich war ihnen zu nahe gekommen.

Text & Fotos Sandra Blume, Mai 2017