Das Lied des Ufereises

Miniaturen

Ufereis

Auf den Resten der Eisdecke des Sees spielten Wasser und Wind eine gläserne Melodie.
Zunächst meinte ich, als das Klimpern und Klingen begann, es hätte einer ein Windspiel in die Bäume gehängt. Die Brise frischte auf und schlug Wellen ans sandige Ufer, in denen zerbrochenen Gläsern gleich, kleine Eisstücke schwappten. Sie klimperten Eismelodien zum fauchenden Wind. Ins Ried geduckt saß ich lauschend mit geschlossenen Augen. Der Klang leise pfeifender Gänseflügel über mir, das flüsternde Rascheln der dürren Gräser und schließlich das Rauschen von Kranichschwingen gingen ein in das fröstelnd schöne Konzert des langsam schwindenden Ufereises.

©Poeta 2016

Vom Fließen des Baches

Gedichte

Bach

Wiedergefunden habe ich den leise glucksenden Bach meiner Kindheit.
Leichtfüßig bin ich ans andere Ufer hinüber gesprungen,
das damals so weit mir schien.
So weit, wie der Gedanke, erwachsen zu sein.

Kaum zwei Schritte ist der Bach nun breit.
Sein Wasser fließt und trägt davon die Zeit.
Ein jedes Jahr, scheint mir, verflog ein wenig schneller.
Als hätte ich Sandkörner in der Hand gehalten
und der Wind ging darüber hin.

Und doch: das Jahr bleibt Jahr.
Es pocht der Takt der Tage und Minuten auf ewig gleich.
Verlangsamen muss ich die Stunden wieder
und ausdehnen den Moment.
Wie das Kind, das am Bach spielt und vergisst die Zeit.

 

Zauber einer Schneenacht

Gedichte

Geh nicht hinaus in den Schnee,
wo der kalte Mond
glitzernde Paläste baut,
wo die Sterne ihr Licht
in der Ackerfurche
sacht zur Ruhe betten.

Dort stehn die Bäume
wie gemalt.
Sie sind nicht mehr von dieser Welt
und ihre langen Schatten
wandeln schon im Anderwärts.

Da ist kein Laut:
kein Zweig flüstert
und keiner Eule Feder fällt.
Alles ruht starr,
wie zur Betrachtung hingestellt.

Geh nicht hinaus in den Schnee,
zerschreite knirschend diese Pracht,
stör nicht die große Stille
der langen Winternacht.

©Poeta 2016

Kraniche im Januar

Miniaturen

Schneetreiben. Der Nachthimmel hallt vom Rufen der Kraniche. Flüsternd wehen kalte Flocken um das Haus, legen sich auf graues Gefieder. Im Kamin steigen knisternd Funken auf, der Schnee hüllt die rastenden Kraniche in weiße Mäntel ein. Auf der Fensterbank die Katze rollt sich zusammen, vergräbt die Nase im dichten Fell. Schneebedeckte Bäume raunen im Wind und den Vögeln des Glücks wächst in der Dunkelheit eine Eishaut, dort, wo das Gefieder endet und der Schnee beginnt. Ich schüre das Feuer im Ofen. Sie warten in der langen Winternacht – Kraniche im Januar.

©Poeta 2016

Zeitzeichen

Gedichte

Schwan

Wie Worte schreibt die Zeit dir erste Zeichen ins Gesicht.
Noch schimmert deine Haut wie Seide.
Noch legen anerkennende Blicke
wie wärmendes Tuch auf deinen Nacken sich.

Doch jeden Morgen stehst du etwas langsamer auf.
Du tanzt und feierst nicht mehr ungestraft, bis alle Vögel singen.
Stattdessen stellst du fest, dass manche Träume
auf immer Träume bleiben müssen – du wirst kein Eislauf-Star.

Ein paar wesentliche Dinge hast du inzwischen verstanden:
du lebst im Jetzt und weißt, wie man das Leben wirklich spürt.
Genießt die Kostbarkeit der Augenblicke und dir ist klar,
dass eine zärtliche Geste mehr zählt, als alles,
was mit Geld sich kaufen lässt.

Und du hast begriffen, dass nicht das Gehen,
sondern Bleiben eine Kunst ist.
Man nähme doch sein Päckchen immer mit, denkst du,
und legst stattdessen ein paar neue Kissen auf die Couch.

Daran, wie dein Kind wächst, siehst fliehend du die Zeit vergehn.
Früher konntest du leichter lieben,
jetzt liebst du tiefer und suchst länger oder gar nicht mehr.

Das ist, wie eine Schwelle überschreiten
und nun, alle Mädchenallüren hinter sich lassend,
Frau zu sein.

©Poeta 2016

Wald- und Wassergeheimnisse

Fotos

Flüsternd erzählt der Wind im dürren Riedgras Geheimnisse von Halm zu Halm. Der Mangel an Mensch und Geräusch, die Langsamkeit und die melancholischen Farben im dezemberkalten Spreewald sind immer Balsam für die aufgerauhte Herzhaut. Schwarzsilbernes Licht auf den Fließen, violette Töne unter dem Astwerk am bemoosten Ufer und milchmilder Schein über den Wiesen. Unendlich langsam fließen die zahllosen Wasser, während unter alten Erlen weiße Kühe grasen. Frieden um mich und in mir. So muss ein Jahr beginnen.

©Poeta 2016

Wie der Schnee fällt

Gedichte

Lautlos
segeln kleine Federn
aus dem großen Wolkenbett.
Ein Kind singt,
ein Klavier klingt,
am späten Nachmittag.

Ein grauer Horizont beginnt
nur eine Handbreit hinterm Gartenzaun.
Die Flocken fallen dicht
eine tapfere Amsel spricht
ihr Lied in den kalten Schnee.

Unablässig gehn sie nieder
von einem Himmel, der verschwand,
und legen sich wie ein Gefieder
sacht auf das erstarrte Land.

©Poeta 2016