Angrenzend

Gedichte

Drinnen war es friedlich
Als sie den Kopf an seine Schulter legte
Vorm Fenster stand Hitze
Als Nachbars Hahn zu krähen begann
Das Windspiel klimperte verloren
Als er sie behutsam auf seinen Körper zog

So lagen sie dämmernd
Und wie eins auf den Kissen
Ganz still umarmt
Als der Nachmittag verann
Und ihr Atem hob und senkte sich
Wie eins
Als der Hahn von neuem zu krähen begann

Und als er zum siebenten Male krähte
Da hob sie ihr Hemd
Da hob sie sein Hemd
Und presste Haut auf sehnsuchtsvolle Haut

So lagen sie friedlich lange
Und sagten kein einziges Wort
Als ihre Häute allmählich begannen
Dort, wo sie angrenzten
Zusammen zu wachsen.

Text & Foto Sandra Blume, 2017

 

Vogelherz

Gedichte

Als ich am Morgen erwachte
Hielt ich plötzlich in meinen Händen
Sein Herz.
Sachte hatten meine Finger
Einen Käfig geformt.
Darin lag es nun warm und pochend
Und schmiegte sich zitternd an meine Haut.
Ein unbeschreibliches Gefühl,
Bis ich meinte, Federn zu spüren
Und die Hände öffnete, um nachzusehen.
Da merkte ich, dass ich einen Vogel hielt
Zum Abflug gerade bereit.

Text & Foto Sandra Blume Juni 2017

Am Muschelsaum

Gedichte
Am Muschelsaum des Meeres
Knirscht Zerschelltes unter den Füßen
Liegt, worauf die Wasser verzichten
Flattern Fetzen von Tang im Wind
Mit scharfem Schnabel wenden die Möwen
Vergangenes, Ausgeworfenes und
Glänzendes im Schlick
Während Welle um Welle
Neuen Nachlass ausgießt

In den salzigen Spülsaum der Zeit

Wir aber gehen unterm Gesang der Vögel
Und sammeln Erinnerungen ein
Muscheln, Stöcke und Steine
Die vielleicht überdauern

Oder die wir später woanders verstreuen

Am Horizont ziehen große Schiffe
Mit Hoffnung im Bauch zur See

 

Fremdgehen, jung bleiben – Folge 18: Sandra Blume — DAS GEDICHT blog

Gedichte

In der Onlineausgabe der Literaturzeitschrift DAS GEDICHT gab es eine Kolumne zu meinem Gedicht Schattenspuren, worüber ich mich sehr gefreut habe…

Junge Lyrik sieht sich selbst oft als eine Quelle der Innovation. Die Schnelllebigkeit der modernen Sprache, die Vielfalt der heutigen Gesellschaft mit all ihren frischen Einflüssen aus Ost, West, Süd und Nord verändern auch die Literatur tiefgreifend. Und so legt Leander Beil an jedem 8. des Monats den Fokus auf das kulturell und sprachlich Andere,…

über Fremdgehen, jung bleiben – Folge 18: Sandra Blume — DAS GEDICHT blog

Es war

Gedichte

Es war das Jahr,
in dem wir die Schmetterlinge vermissten
als wir durch die blühenden Gärten gingen,
Hand in Hand.

Es war das Jahr,
in dem es stiller wurde zwischen den Blüten,
weil Volk um Volk der Bestäuber
plötzlich spurlos verschwand.

Es war das Jahr, in dem wir bemerkten,
dass unsere Idylle trügerisch war,
dass der unermessliche Vorrat an allem
sich aufbrauchte
und dass das Aufbrauchen unaufhaltsam war.

Es war das Jahr, in dem wir fast verzweifelt
mehr und mehr Blumen säten.
Und den Sommer einatmeten,
als ob er der letzte wäre dieser Art.

Es war das Jahr,
in dem wir einander so innig hielten,
als flöge uns die Zukunft
mit den Schmetterlingen davon.

 

Text & Foto: Sandra Blume 2017

Erste Mahd

Gedichte

Zwischen Himmel und Acker
steht flatternd
die Lerche im Blau.
Ihr Jubelgesang rührt dich an.

Wenn auf den wüchsigen Wiesen
noch goldgelber Hahnenfuß leuchtet,
ruft er dir langhelle Tage auf,
die träge sind von großer Hitze
und Reife duften aus dem hohen Gras.

Du erinnerst Sternschnuppennächte
Rotwein, Küsse, Gelächter…

Verheißungsvoll kündigt im Mai
dir alles den Sommer an.
Sehnsüchtig erwarteter, glückseliger Sommer …

Wie viele hast du noch?
Das Verleibende in Sommern gezählt,
ergibt eine allzu überschaubare Zahl.

Bette dich unter den Lerchenhimmel,
belausche die Gräser beim Wachsen
und zähle die Blüten des Hahnenfuß.
Unten im Dorf beginnt schon
die erste Mahd.

Text & Foto: Sandra Blume, Mai 2017

Mauersegler

Gedichte

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schrillschreiende
sommerboten
zerschneiden wieder die himmel
über den trägen nachmittagen

im honiglicht
sitzen wir am fenster
und laden hoffnung
auf ihre sichelflügel

komm, sag ich: jubeln wir uns durchs blau
bodenkontakt ist nicht länger nötig
und schlafen können wir einfach im flug

—————

Mauersegler sind erstaunliche Vögel. Sie verbringen den größten Teil ihres Lebens in der Luft. Bis zu zehn Monate, ohne ein einziges Mal zu landen. Sie essen im Flug, sie lieben sich im Flug und sie schlafen sogar während sie fliegen.

Text & Foto: Sandra Blume

abschied ist ein stumpfes schwert

Gedichte

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abschied ist ein stumpfes schwert
wie lang schon hättest du ausholen,
zum schlag ansetzen müssen
wie lang aber bist du geblieben
hast überlegt, das schwert zu schärfen
hast die klinge geprüft
das rostende metall unterm verwundbaren finger
gefühlt und dich fürs hoffen entschieden
abschied ist: ab-scheiden,
ab-trennen, ab-schneiden,
liegen lassen und ohne dieses weiter gehen
ist: das vergangene vom jetzigen scheiden
und abgeschieden sein, von dem was war
das ist eine traurige sache
da lässt du das schwert lieber stumpf
und sägst nur ein bisschen
an den verhältnissen herum
dabei hätte, was du zurücklässt, gewicht
gewicht, um das du leichter wärst,
wenn du es nicht mehr tragen musst
leg es auf die waage
und dann komm:
nimm den wetzstein zur hand

© Text & Foto: Sandra Blume, Mai 2017

Lietebaum

Gedichte
Manche sagen, dieser Ort ist heilig
Und dass dort etwas zwischen Baum und Borke wohnt
Unter den mächtigen Wurzeln schläft
Vielleicht eine Göttin
Vielleicht die Seele aller Hügel
Die sich in Wellen ziehn zum Horizont
Ein Baum so alt, wie die Landschaft weit ist
Die er bewacht
Ein Hüter von Geheimnissen
Ein Verwahrer von Sorgen
Ein Ort der Wünsche
hinaufgewispert ins Astwerk, wo schon die Sterne ruhn
Winter um Winter
Sommer um Sommer
Sah er uns kommen und gehen
Erklimmend den Herzberg
Zu zweien mit Hoffnung

Und mit Sehnsucht allein

Auf windumspielter Höhe
Zwischen Wacholdern, Weißdorn
Und wogendem Gras
Widersteht er allem Wandel
Und kleinmenschlichem Ringen
Mit heiligem Gleichmut

Herzweise – Anthologie

Gedichte

Mail-Anhang

 

Gedichte sind vergleichbar mit Prismen. In ihnen bricht sich die Wirklichkeit – in ganz eigener Färbung scheint sie bereits durch eine Handvoll Silben hindurch. Gleichermaßen sichtbar für den Verstand wie für das Herz wird der so verdichtete Moment zum lesbaren Bild. 100 solcher „Verdichtungen“ versammelt die hochwertig gebundene Anthologie „Herzweise“. Fünf Autorinnen und Autoren der Gegenwart, deren Texten das Gefühlsintensive und Musikalische gemeinsam ist, geben darin einen Einblick in ihr facettenreiches Werk.
Ihre Lyrik haben sie unter anderem in Internetblogs veröffentlicht. Dort lernten sie ihre gegenseitigen Arbeiten kennen, schätzen und inspirierten einander vielfach. So entwickelte sich mit der Zeit ein reger Austausch über poetische Schaffensprozesse, der nun in einem Buch seinen Weg in die Sichtbarkeit findet. Initiatorin des Projektes ist die Münchner Autorin Hannah Buchholz, die gemeinsam mit dem Lyriker Ángel María Perezáno als Herausgeberin der Anthologie auftritt.
Zu ihnen gesellen sich mit Diana Jahr, Simone Lucia Birkner und Sandra Blume drei weitere Stimmen, die es verstehen, die mannigfaltigen Eindrücke des Lebens mit großer Sensibilität zu einem harmonischen Klangteppich zu verweben. Die vier Dichterinnen und Perezáno gehen zwischen den Buchdeckeln eine poesievolle Verbindung ein, erschaffen mit ihrem je eigenen Akzent eine kraftvolle, von großer Sinnlichkeit getragene Lyrik und lassen den Leser herzweise an ihrem besonderen Blick auf die Welt teilhaben.

Die Anthologie „Herzweise – 100 Gedichte der Gegenwart“ erscheint im Herbst 2017.