Und mit Sehnsucht allein
Gedichte
Herzweise – Anthologie
Gedichte
Gedichte sind vergleichbar mit Prismen. In ihnen bricht sich die Wirklichkeit – in ganz eigener Färbung scheint sie bereits durch eine Handvoll Silben hindurch. Gleichermaßen sichtbar für den Verstand wie für das Herz wird der so verdichtete Moment zum lesbaren Bild. 100 solcher „Verdichtungen“ versammelt die hochwertig gebundene Anthologie „Herzweise“. Fünf Autorinnen und Autoren der Gegenwart, deren Texten das Gefühlsintensive und Musikalische gemeinsam ist, geben darin einen Einblick in ihr facettenreiches Werk.
Ihre Lyrik haben sie unter anderem in Internetblogs veröffentlicht. Dort lernten sie ihre gegenseitigen Arbeiten kennen, schätzen und inspirierten einander vielfach. So entwickelte sich mit der Zeit ein reger Austausch über poetische Schaffensprozesse, der nun in einem Buch seinen Weg in die Sichtbarkeit findet. Initiatorin des Projektes ist die Münchner Autorin Hannah Buchholz, die gemeinsam mit dem Lyriker Ángel María Perezáno als Herausgeberin der Anthologie auftritt.
Zu ihnen gesellen sich mit Diana Jahr, Simone Lucia Birkner und Sandra Blume drei weitere Stimmen, die es verstehen, die mannigfaltigen Eindrücke des Lebens mit großer Sensibilität zu einem harmonischen Klangteppich zu verweben. Die vier Dichterinnen und Perezáno gehen zwischen den Buchdeckeln eine poesievolle Verbindung ein, erschaffen mit ihrem je eigenen Akzent eine kraftvolle, von großer Sinnlichkeit getragene Lyrik und lassen den Leser herzweise an ihrem besonderen Blick auf die Welt teilhaben.
Die Anthologie „Herzweise – 100 Gedichte der Gegenwart“ erscheint im Herbst 2017.
Vom Wasser
GedichteImmer und immer zieht es mich zum Wasser
Bewegung, Spiegelung und Stille, die rauscht
Unbekümmertes Fließen
Unergründliche Tiefe
Wasser, in das die Gedanken hinabsteigen
Wasser, das davon trägt, was mich beschwert
Meine Wasser:
Unter aufgehender Sonne rauchende Seen am Morgen
Flüsse, auf denen der Nebel tanzt und Gold spazieren geht
Moorige Waldtümpel, in denen Blätter wie Boote treiben
Muntere Bächlein, funkelnd zwischen Farnen und Moos
Und das Meer
Das unbeschreiblichste aller Wasser
Das nachts in meinen Träumen singt
Ich kann ein Jahr oder zwei ertragen
Ohne schneebedeckte Gipfel
Zu lange vom Meer entfernt aber
Verstummen auf Zeit mir alle Lieder
Der Albertsee zwischen Marksuhl und Dönges ist auch so ein Lieblingswasser. Einer unserer geheimnisvollen Erdfallseen. In alten Zeiten hieß er Elfensee. Ich habe sie tanzen sehen, neulich Morgen über den Wassern…
Hautsee
GedichteKein Weg mehr zurück ans Wasser.
Von See und Gras
GedichteMan müsste den Orten das Eigene lassen:
Es war mein See (ich fand ihn vor Zeiten unter einem herrlichen Sonnenaufgang).
Es war unser See (wir liebten uns an seinem Ufer, bis uns die Sinne schwanden).
Jetzt wächst ein neues Gras an seiner stillen Küste,
das nicht den Abdruck unserer Körper kennt.
Doch das Gras kümmert es nicht.
Und der geheime See trägt wie immer
funkelnde Wellen im Mittagslicht.
Der See, dessen Wasser so klar ist (du siehst Muscheln und Krebse am Grund).
Der See, auf dessen Böschung (sehr nahe der Kante) ein verlassenes Vogelei liegt.
Um das niemand ein schützendes Nest hat gebaut.
Doch den See kümmert es nicht.
Was war, verblasst.
Ich lasse dem Ort das Eigene
Und er ist wie immer zuvor.
HERZWEISE
GedichteSchon die Anfrage vor einigen Wochen war eine wunderbare Überraschung: Im Herbst dieses Jahres wird im Münchner Verlag in der Lindenstraße eine Anthologie, unter anderem mit 20 Gedichten von mir, erscheinen. Heute kam der Verlagskatalog mit der Ankündigung heraus. Ich freue mich sehr, sehr – auch über die äußerst gelungene Gestaltung des Buches. Die Blogs der anderen Autoren zu besuchen, kann ich nur empfehlen – da ist sehr gute Lyrik zu entdecken! Ich habe nun die Qual der Wahl, mich für 20 Gedichte entscheiden zu müssen…

Abends
GedichteEs gibt unzählige Arten von Stille
Und wie sie die Räume am Abend durchmisst.
Ich liebe die Stille,
Wenn die Nacht und ich
Uns gelassen ineinanderfalten –
Lesend, Schreibend,
Kein Geräusch vermissend.
Stille,
Die summend
In meinen Adern rauscht;
In der jeder Gedanke
wie ein Abdruck haften bleibt.
Bis der Regen einsetzt und
An die Dachfenster trommelt,
Als ob er um Einlass bäte.
Dann strecke ich Worte wie Hände aus
Und werde gehalten.
Dorfsonntag
Gedichte
Sonntagsruhe über dem Dorf.
Vereinsamt die krummen Gassen,
In denen neidisch enge Giebel
Nach ihren Nachbarn schielen.
Ein schwerer Himmel ist darüber aufgehängt,
Den selbst der Pfarrer nicht zu heben weiß.
Und ohne Wunder ging auch diesmal seine Predigt
Vorüber an der Handvoll Leutchen
In ihrer immer gleichen Bank.
Nur auf dem kleinen Kirchhof,
Mit den im Wettbewerb gepflegten Gräbern,
Ist Leben:
Unterm alten Eibisch leuchten Winterlinge
Wie kleine Sommer auf.
Herab vom buckligen Kapellendach
Ruft sehnsuchtsvoll die Ringeltaube
Nach ihrem neuen Liebsten.
Ungeborgen
GedichteDie blauen Träume
Ließen dich allein
Mit aschenem Lächeln
Flussaufwärts
Flussabwärts
Bist du nun geborgen
Auf grauem Stein
Ich spreche kein Wort Isländisch. Dennoch ist sind diese Verse eine Art „Übersetzung“. Auf Olafur Arnalds wunderbarer Platte „Island Songs“ spricht der isländische Dichter Einar Georg ein seltsam berührendes Gedicht. Ein Gedicht, das schon wie eine Musik klingt, längst bevor die musikalische Begleitung einsetzt. Ich weiß nicht, wovon es handelt. Nur, dass es mich nicht loslassen wollte in den letzten Tagen. Eines Abends sangen diese isländischen Verse in meinem Kopf und mir kamen Worte in meiner eigenen Sprache in den Sinn. Als ich am nächsten Tag am Fluss entlang ging, entstand dieses kleine Gedicht – beinahe wie von selbst. Ich habe erst versucht, noch mehr von dem Gedicht zu „übersetzen“, aber schnell gemerkt, dass alles, was ich dazu fühle, schon in diesen wenigen Zeilen liegt.
Durchs Tal
GedichteDie Hände in wärmende Taschen vergraben
entschlossene Schritte setzen durchs Tal.
Über halb Gefrorenes, fast Geschmolzenes
beinahe ohne ein Straucheln gehen.
Auch das farbverlorene Land wankt noch
zwischen Erstarrung und Aufbruch.
Zaghaft singen Vögel
aus den Grauschatten
schmaler Buchenstämme.
Knisternd taut am Abhang
der stumpf gewordene Schnee.
Und hier geht es zur Hörversion: Durchs Tal auf youtube