Zeitzeichen

Gedichte

Schwan

Wie Worte schreibt die Zeit dir erste Zeichen ins Gesicht.
Noch schimmert deine Haut wie Seide.
Noch legen anerkennende Blicke
wie wärmendes Tuch auf deinen Nacken sich.

Doch jeden Morgen stehst du etwas langsamer auf.
Du tanzt und feierst nicht mehr ungestraft, bis alle Vögel singen.
Stattdessen stellst du fest, dass manche Träume
auf immer Träume bleiben müssen – du wirst kein Eislauf-Star.

Ein paar wesentliche Dinge hast du inzwischen verstanden:
du lebst im Jetzt und weißt, wie man das Leben wirklich spürt.
Genießt die Kostbarkeit der Augenblicke und dir ist klar,
dass eine zärtliche Geste mehr zählt, als alles,
was mit Geld sich kaufen lässt.

Und du hast begriffen, dass nicht das Gehen,
sondern Bleiben eine Kunst ist.
Man nähme doch sein Päckchen immer mit, denkst du,
und legst stattdessen ein paar neue Kissen auf die Couch.

Daran, wie dein Kind wächst, siehst fliehend du die Zeit vergehn.
Früher konntest du leichter lieben,
jetzt liebst du tiefer und suchst länger oder gar nicht mehr.

Das ist, wie eine Schwelle überschreiten
und nun, alle Mädchenallüren hinter sich lassend,
Frau zu sein.

©Poeta 2016

Wie der Schnee fällt

Gedichte

Lautlos
segeln kleine Federn
aus dem großen Wolkenbett.
Ein Kind singt,
ein Klavier klingt,
am späten Nachmittag.

Ein grauer Horizont beginnt
nur eine Handbreit hinterm Gartenzaun.
Die Flocken fallen dicht
eine tapfere Amsel spricht
ihr Lied in den kalten Schnee.

Unablässig gehn sie nieder
von einem Himmel, der verschwand,
und legen sich wie ein Gefieder
sacht auf das erstarrte Land.

©Poeta 2016

Frohe Weihnacht

Gedichte

Vier Tage vor Weihnachten
sangen die Vögel Frühlingslieder.
Drei Tage vor Weihnachten
blühten meine Rosen wieder.
Als bis zum Fest nur noch zwei Tage blieben,
begannen sich im Wald die Füchse zu verlieben.
Und am Weihnachtstag bist schließlich du gekommen.
Hast sachte meinen Blick mit deinem in die Hand genommen.

Jetzt singen wir jubelnd wie die Vögel,
blühen leuchtend wie die Rosen
und lieben uns zärtlich neckend
wie die Füchse im Wald.

©Poeta 2015

Regenlied

Gedichte

Regen fällt in dichten Fäden.
Konzertiert auf allen Schindeln,
Plätschert durch die engen Rinnen,
Rauscht in übervolle Fässer,
Klopft auf meine schrägen Fenster
Deinen Namen noch und noch…

Reingewaschen. Fortgespült.

Neue Bäche strömen.
Das Haus eine träumende Insel
verblassend
in den Wassern.

©Poeta 2015

Es gibt Tage, da liegt ein Nebel über diesem Land:

Gedichte

Nebel hat die Wiese aufgelöst.
Als bloßer Schatten schwebt der Wald darüber.
Und auch vom Nachbardorf blieb nur ein Umriss stehn.
Alle Fernen versinken im Dunst,
und nur was nah ist, prunkt mit Klarheit:
Tuschzeichnungen sind die glänzenden Gräser im Morgentau.
Gefangen glitzern Wassertröpfchen in den Netzen kleiner Spinnen.

Vertrautes ist beinahe fremd geworden.
Der Blick hinaus mit Undurchsichtigkeit verstellt.
Ich aber wandre durch das neue Nebelland,
erkenne nicht mehr meinen Nächsten.

 

©Poeta 2015

Vom Fallen

Gedichte

Sieh, wie sacht die Blätter fallen.
Leise taumeln sie herab.
Hier das eine, dort das andre
Löst sich von den lichten Bäumen
Ohne jedes Zögern ab.

Lass dich langsam mit mir fallen.
Kleider rascheln welkes Laub.
Herbstgold liegt auf deinen Haaren
Und auf meiner blassen Haut.

Wenn der frühe Abend einfällt
Mit dem wispernd kalten Wind
Und mit seinen langen Schatten,
Lass uns Feuer machen
In den Öfen
Bis wir helle Flammen sind.

©Poeta 2015

Novembermorgen

Gedichte

Auf dem gefallenen Blatt
glimmen frosterstarrt
letzte Funken eines großen Sommers.

Wir hauchen warmen Nebel in die Hand,
während die Sonne das gefrorene Land
langsam mit Licht überzieht.

Weiße Reiher fliegen auf, schwerelos.
Die Flügel golden durchleuchtet und groß
vorm erwachenden Tag.

Wunder aus Licht im Abschiedsverzagen.
Uns fängt nicht die Kälte, denn wir tragen
in uns warme Sommerfunken.

©Poeta 2015