Sommer im Zenit

Gedichte

Reif und schwer liegt Sommer auf den Feldern.
Der grüne Glanz der Wiesen dörrt zu Heu
Und gestern Abend fiel die erste Gerste,
Nun ist der Sommer nicht mehr neu.

Die ersten Stoppelfelder leuchten,
Goldgelb im Morgensonnenschein,
Du weilst sehr fern im fernen Süden
Und lässt den Sommer hier allein

Bei seinem leisen Abschiednehmen.
Was mich sonst stets zur Wehmut bringt,
In diesem Jahr jedoch begrüß ich den Gesang der Grillen
Und freu mich, wie die Zeit verrinnt.

Wenn du zurück bist, fangen wir die letzten Sonnenstrahlen,
Wir betten uns zur Not ins frische Heu,
Und wenn wir über leere Felder wandern,
Dann wird der Sommer wieder neu.

Was ich liebe

Gedichte

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Was ich liebe im Juni ist der Mohn
an den Straßenrändern herzblutrot;
ist der sinnliche Duft von Holunder,
der aus Hecken und Hofecken weht;
ist das hohe Gras, das schwer vom Tau
am Morgen auf den Wiesen schläft;
ist der Gedanke, verliebt zu sein
und auf dich zu warten –
zwischen Gräsern, Holunder und leuchtendem Mohn.

Für M.

Netz aus Liedern

Gedichte

Jetzt auf Wiesen liegen
mit der Stirn zum Licht.
Darüber der tiefe Himmel
von unsagbarem Blau.

Düfte wehen heran:
goldgelb leuchtend,
heckenerdig weiß
und brennesselgrün.

Die Vögel im Astwerk
weben ein Muster aus Tönen,
knüpfen ein heiteres Netz aus Liedern
neu und neu und neu – – –

Lass dich fallen und siehe: es trägt.

Und das Gras wächst,
verwächst mit deinen Gliedern,
eintausend Himmelsblumen
erblühn auf deiner Haut.

Und du wirst Teil von allem.
Von Gras, von Blumen und Stein.
Teil jener Melodie, die mit den Vögeln
ein jedes Jahr voll Hoffnung erwacht.

Allein

Gedichte

Im Unterholz des Waldes
Seelenpfade finden.
Allein.
Die Vögel einzig zur Gesellschaft.

Zwischen totem Astwerk
und unendlichem Farn,
der heraufgrünt ans Licht,
zwischen Moos und Brombeerranken.

Sachte seine Schritte setzen.

Dort, wo gründuftende Brennesseln
in wässrigen Senken sprießen,
eine vergessene Feder entdecken,
glänzend weiß am Bach.

Nicht länger allein.
Alle Vögel zur Gesellschaft.
Und Moos und Nesseln und Farn.
Und Weißdorn, der eben erblüht.

Vorfrühling

Gedichte

Vorfrühling

Im Garten liegen noch Kissen,
die ich am Morgen vergaß.
Grüne Zeugen einer halben Frühlingsstunde,
in der ich träumend
vor der alten Laube saß.

Und Sonne wärmte mir die
sehnsuchtsvolle Haut.

Nun ist der Tag  wonnig
unter meinen Händen zerflossen,
still gesellt Minute um Minute
sich zur Vergangenheit.
Der Himmel färbt sich fliedern ein
und es wird Zeit,
den Ofen anzuzünden.

Im Garten liegen noch die Kissen,
im kalten Abendschein
sie werden meine Wärme wohl vermissen
vielleicht hol ich sie noch herein…

©Poeta 2016

Vom Zauber der Namen

Gedichte

Ich mag, wie du meinen Namen
durch die Nacht sendest.
Wie du ihn eintippst am Tage
und losschickst, aller Erklärungen bloß.
Und ich lese ihn wie ein Rufen,
das fragt, ob ich noch da bin.
Oder wie ein Erstaunen –
sich vergewissernd, dass es mich gibt.
Wenn du ihn schreibst, wird er klangvoll.
Wie ein exotisch fernes Land,
das zu entdecken es sich lohnt.
Mein schlichter Name klingt
– von dir gesendet –
wie eine Zauberformel,
die Wünsche wahr macht oder Prinzen schickt.

Doch meine Haut ist dünn
wie ein zu oft benutztes Tuch vom vielen Waschen.
Und meine Vorsicht größer noch als jeder Wunsch.

Die Worte aber sind Magie, wie auch die Namen.
Mit einem Wort fing alles an
und wurde Licht.

 

©Poeta 2016

Dreiunddreißig mal mehr

Gedichte

Wie ein kleiner dunkler Fächer flattern ihre Wimpern,
wehren sich noch gegen Nacht und Schlaf.
Weiches Licht wirft lange Schatten,
müde schmiegt sie sich in meinen Arm.

Mit der Fingerspitze streich ich sachte ihr die Haare aus der Stirn,
fahr entlang der kleinen Nase und zurück bis an ihr Ohr.
Draußen singen alte Pappeln, in der Ferne bellt ein Hund.
Und ich atme leise, leise – goldnes Haar an meinem Mund.

Nichts duftet besser auf der Welt…
„Streichel mir den Rücken, Mama!“
Und ich steige mit den Fingern wirbelabwärts,
wie auf einer Treppe, die für kleine Elfen scheint.

Ich umkreise zarte Schulterblätter,
so spitz, als würden nächstens Flügel wachsen.
Die schmalen Rippen unter honigweicher Haut –
ihr kleiner Leib ist so verletzlich…

„Mama“, sagt sie, „von allen Menschen,
die ich ohnehin schon hundert Mal lieber habe als den Rest,
habe ich dich am allerliebsten.
Mindestens dreiunddreißig Mal mehr.“

Und ich fließe über vor Liebe.

©Poeta 2016

Vom Fließen des Baches

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Bach

Wiedergefunden habe ich den leise glucksenden Bach meiner Kindheit.
Leichtfüßig bin ich ans andere Ufer hinüber gesprungen,
das damals so weit mir schien.
So weit, wie der Gedanke, erwachsen zu sein.

Kaum zwei Schritte ist der Bach nun breit.
Sein Wasser fließt und trägt davon die Zeit.
Ein jedes Jahr, scheint mir, verflog ein wenig schneller.
Als hätte ich Sandkörner in der Hand gehalten
und der Wind ging darüber hin.

Und doch: das Jahr bleibt Jahr.
Es pocht der Takt der Tage und Minuten auf ewig gleich.
Verlangsamen muss ich die Stunden wieder
und ausdehnen den Moment.
Wie das Kind, das am Bach spielt und vergisst die Zeit.

 

Zauber einer Schneenacht

Gedichte

Geh nicht hinaus in den Schnee,
wo der kalte Mond
glitzernde Paläste baut,
wo die Sterne ihr Licht
in der Ackerfurche
sacht zur Ruhe betten.

Dort stehn die Bäume
wie gemalt.
Sie sind nicht mehr von dieser Welt
und ihre langen Schatten
wandeln schon im Anderwärts.

Da ist kein Laut:
kein Zweig flüstert
und keiner Eule Feder fällt.
Alles ruht starr,
wie zur Betrachtung hingestellt.

Geh nicht hinaus in den Schnee,
zerschreite knirschend diese Pracht,
stör nicht die große Stille
der langen Winternacht.

©Poeta 2016