Kraniche im Januar

Miniaturen

Schneetreiben. Der Nachthimmel hallt vom Rufen der Kraniche. Flüsternd wehen kalte Flocken um das Haus, legen sich auf graues Gefieder. Im Kamin steigen knisternd Funken auf, der Schnee hüllt die rastenden Kraniche in weiße Mäntel ein. Auf der Fensterbank die Katze rollt sich zusammen, vergräbt die Nase im dichten Fell. Schneebedeckte Bäume raunen im Wind und den Vögeln des Glücks wächst in der Dunkelheit eine Eishaut, dort, wo das Gefieder endet und der Schnee beginnt. Ich schüre das Feuer im Ofen. Sie warten in der langen Winternacht – Kraniche im Januar.

©Poeta 2016

Zeitzeichen

Gedichte

Schwan

Wie Worte schreibt die Zeit dir erste Zeichen ins Gesicht.
Noch schimmert deine Haut wie Seide.
Noch legen anerkennende Blicke
wie wärmendes Tuch auf deinen Nacken sich.

Doch jeden Morgen stehst du etwas langsamer auf.
Du tanzt und feierst nicht mehr ungestraft, bis alle Vögel singen.
Stattdessen stellst du fest, dass manche Träume
auf immer Träume bleiben müssen – du wirst kein Eislauf-Star.

Ein paar wesentliche Dinge hast du inzwischen verstanden:
du lebst im Jetzt und weißt, wie man das Leben wirklich spürt.
Genießt die Kostbarkeit der Augenblicke und dir ist klar,
dass eine zärtliche Geste mehr zählt, als alles,
was mit Geld sich kaufen lässt.

Und du hast begriffen, dass nicht das Gehen,
sondern Bleiben eine Kunst ist.
Man nähme doch sein Päckchen immer mit, denkst du,
und legst stattdessen ein paar neue Kissen auf die Couch.

Daran, wie dein Kind wächst, siehst fliehend du die Zeit vergehn.
Früher konntest du leichter lieben,
jetzt liebst du tiefer und suchst länger oder gar nicht mehr.

Das ist, wie eine Schwelle überschreiten
und nun, alle Mädchenallüren hinter sich lassend,
Frau zu sein.

©Poeta 2016

Wald- und Wassergeheimnisse

Fotos

Flüsternd erzählt der Wind im dürren Riedgras Geheimnisse von Halm zu Halm. Der Mangel an Mensch und Geräusch, die Langsamkeit und die melancholischen Farben im dezemberkalten Spreewald sind immer Balsam für die aufgerauhte Herzhaut. Schwarzsilbernes Licht auf den Fließen, violette Töne unter dem Astwerk am bemoosten Ufer und milchmilder Schein über den Wiesen. Unendlich langsam fließen die zahllosen Wasser, während unter alten Erlen weiße Kühe grasen. Frieden um mich und in mir. So muss ein Jahr beginnen.

©Poeta 2016

Wie der Schnee fällt

Gedichte

Lautlos
segeln kleine Federn
aus dem großen Wolkenbett.
Ein Kind singt,
ein Klavier klingt,
am späten Nachmittag.

Ein grauer Horizont beginnt
nur eine Handbreit hinterm Gartenzaun.
Die Flocken fallen dicht
eine tapfere Amsel spricht
ihr Lied in den kalten Schnee.

Unablässig gehn sie nieder
von einem Himmel, der verschwand,
und legen sich wie ein Gefieder
sacht auf das erstarrte Land.

©Poeta 2016

Frohe Weihnacht

Gedichte

Vier Tage vor Weihnachten
sangen die Vögel Frühlingslieder.
Drei Tage vor Weihnachten
blühten meine Rosen wieder.
Als bis zum Fest nur noch zwei Tage blieben,
begannen sich im Wald die Füchse zu verlieben.
Und am Weihnachtstag bist schließlich du gekommen.
Hast sachte meinen Blick mit deinem in die Hand genommen.

Jetzt singen wir jubelnd wie die Vögel,
blühen leuchtend wie die Rosen
und lieben uns zärtlich neckend
wie die Füchse im Wald.

©Poeta 2015

Regenlied

Gedichte

Regen fällt in dichten Fäden.
Konzertiert auf allen Schindeln,
Plätschert durch die engen Rinnen,
Rauscht in übervolle Fässer,
Klopft auf meine schrägen Fenster
Deinen Namen noch und noch…

Reingewaschen. Fortgespült.

Neue Bäche strömen.
Das Haus eine träumende Insel
verblassend
in den Wassern.

©Poeta 2015