Das Lied des Ufereises

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Ufereis

Auf den Resten der Eisdecke des Sees spielten Wasser und Wind eine gläserne Melodie.
Zunächst meinte ich, als das Klimpern und Klingen begann, es hätte einer ein Windspiel in die Bäume gehängt. Die Brise frischte auf und schlug Wellen ans sandige Ufer, in denen zerbrochenen Gläsern gleich, kleine Eisstücke schwappten. Sie klimperten Eismelodien zum fauchenden Wind. Ins Ried geduckt saß ich lauschend mit geschlossenen Augen. Der Klang leise pfeifender Gänseflügel über mir, das flüsternde Rascheln der dürren Gräser und schließlich das Rauschen von Kranichschwingen gingen ein in das fröstelnd schöne Konzert des langsam schwindenden Ufereises.

©Poeta 2016

Kraniche im Januar

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Schneetreiben. Der Nachthimmel hallt vom Rufen der Kraniche. Flüsternd wehen kalte Flocken um das Haus, legen sich auf graues Gefieder. Im Kamin steigen knisternd Funken auf, der Schnee hüllt die rastenden Kraniche in weiße Mäntel ein. Auf der Fensterbank die Katze rollt sich zusammen, vergräbt die Nase im dichten Fell. Schneebedeckte Bäume raunen im Wind und den Vögeln des Glücks wächst in der Dunkelheit eine Eishaut, dort, wo das Gefieder endet und der Schnee beginnt. Ich schüre das Feuer im Ofen. Sie warten in der langen Winternacht – Kraniche im Januar.

©Poeta 2016