Für Uneingeweihte ist der Weg zum Heiligen Berg schwerlich zu finden. Im Dorf, das nahe des Berges liegt, steht nur ein einziger Wegweiser, der in die schmale Straße namens Himmelreich hinauf zeigt. Die Straße aber endet mit den letzten Häusern am Berghang und geht in einen Feldweg über, der mitnichten zum Heiligen Berg führt.
Der Heilige Berg ist ein eigentümlicher Ort. Inmitten des Rotliegenden schiebt er sich als Muschelkalkverwerfung aus dem Grund empor. Ein schmaler, langgestreckter Bergkamm, ein knochiges Rückgrat, auf dem ein enger Pfad entlangführt. Wie Schenkel eines spitz zulaufenden Dreiecks liegen Abhänge an beiden Seiten des Pfades. Überall wachsen gekrümmte, bemooste, verwitterte Bäume. Silberne Buchen und Eichen mit rissiger Borke, deren Stämme am unteren Ende bauchige Auswüchse bilden. Mag sein, dass die Bäume weitaus älter sind, als ihre knorrigen schmalen Kronen vermuten lassen. Muschelkalk liegt in kleinen und größeren Brocken im nassen Laub der Hänge, als wären uralte Gesetzestafeln zu Scherben gegangen.
Unscheinbare Wildpfade sind die einzigen Wege dorthin, die ich kenne. Manche so steil, dass der Fuß ins Rutschen gerät, andere sanfter, unter Weidezäunen hindurch tauchend.
An beiden Enden des Bergrückens verliert sich der buckelige Pfad unvermutet im Unterholz. Und doch hängen auf halber Strecke des wenige hundert Meter langen Weges in einem kleinen Schrein, hoch oben am Baum, ein Marienbild und der gekreuzigte Jesus. Darunter ein hölzernes, handbemaltes Schild, das den Heiligen Berg mit seinen 425 Metern Höhe vorstellt. Es ist etwas an diesem Berg, das mich nicht loslässt. Wieder und wieder steige ich hinauf. Eine alteingesessene Dorfbewohnerin hat mir von einer Einsiedelei, die es vor Jahrhunderten auf dem Berg gegeben habe, und von einem hölzernen Aussichtsturm späterer Tage erzählt.
Meine Gedanken wandern. Ich suche nach Versteinerungen im Muschelkalk. Linien, Punkte, Halbkreise – die Steine scheinen mit seltsamen Schriftzeichen versehen zu sein. Nachrichten aus der Geschichte der Erde, für den, der sie zu lesen versteht. Ich verstehe die Sprache der Steine nicht. Als ich einen aufhebe, um ihn näher zu betrachten, liegt plötzlich nackt und bloß eine kleine Schnecke auf dem Erdboden, die sich unter dem Stein vor dem Frost verbarg. Behutsam decke ich sie wieder zu.
Ich stehe auf dem bröckeligen Muschelkalk und frage mich, wie eine Einsiedelei auf dem schmalen Bergrücken Platz gefunden haben kann und wo der Turm, der restlos verschwand, dereinst stand. Wie nur hat ein Mensch an diesem Ort leben können. Ein Leben auf der Kippe, auf schmalem Grat zwischen den harten Bruchstücken der Steine und den verdrehten Ästen der Bäume.
Über dem gekrümmten Rücken des Heiligen Berges hängt die Einsamkeit dichter als anderswo. Ich steige auf Berge, um ihre Erhabenheit zu spüren, wenn ich von hoher Warte über das Land sehe. Der Heilige Berg aber bietet an keiner einzigen Stelle einen Ausblick ins Tal. Hier hinauf steige ich, wird mir klar, um in mich selbst hinein zu blicken. Um die Gedanken auszuruhen zwischen Moos und Muschelkalk. Nichts ist wichtiger als das Jetzt, als dieser Augenblick, in dem das wetterverblichene Buchenlaub am Ast raschelnd flattert und ich versuche, die Botschaft des Steins zu entziffern, der den Winterschlaf der Schnecke behütet. In meinem Kopf trage ich immer eine kleine Einsiedelei. Sie öffnet ihre Pforten an Orten wie diesem und dann kehre ich in ihre Stille ein.





