Von der Blauen Stunde

Prosa
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Kennst Du die Blaue Stunde? Die besondere Stunde zwischen dem Untergang der Sonne und dem Einbruch der Nacht? Wenn es noch zu hell ist, um Licht anzumachen und doch zu dunkel, um weiterzulesen… Leg das Buch beiseite, tritt an ans Fenster und sieh, wie der Himmel leuchtet – dort, zwischen Tag und Nacht. Am Horizont liegt noch der Sonne letzter, goldener Schein wie ein flammender Schal um der Erde müdem Rand. Blickst Du hinauf, spannt sich schon das nachtblaue Himmelszelt über Dir auf. Dazwischen aber strahlt das Firmament in unvergleichlichem Türkis.
Dies ist die blaue Stunde. Die Stunde zwischen Tag und Nacht. Zwischen Wachen und Träumen. Eine ganz besondere Stunde.Es gab eine Zeit, da gingen der Tag und die Nacht noch unmittelbar in einander über. Zwei unversöhnliche Königreiche trafen an jedem Abend und an jedem Morgen auf einander. Und blutrot färbte sich der schwarze Himmel ein.Die Königin der Nacht und die Herrscherin des Tages konnten einander nicht ausstehen. Wunderschön waren beide: der Anblick der Sonne war so unvergleichlich, so strahlend, dass ein jeder den Blick abwenden musste, der versuchte ihr ins Gesicht zu sehen. Das glitzerkalte Antlitz der Nachtherrscherin dagegen leuchtete heller als der Mond und in ihren langen nachtschwarzen Haaren funkelten Millionen Sterne.
Wie schöne Frauen es zuweilen tun, wetteiferten beide miteinander, die Schönste zu sein. Denn wäre die Nacht schöner als der Tag – so könnte sie auch ewig währen, fand die nächtliche Königin. Und wäre der Tag schöner als die Nacht, so könne es doch immer Tag bleiben, meinte die Sonnenfrau. Erbittert fochten die beiden um Aufgang und Untergang. Und sie stifteten große Verwirrung unter den Menschen.
Denn stellt Euch vor, die Sonne ginge täglich zu einer anderen Zeit auf! Und an manchen Tagen gar nicht unter! Stellt Euch vor, manche Nächte währten endlos!

Da erscheint eines Tages eine sonderbare Gestalt. Sie ist in blaue Schatten gekleidet. Ihr Lächeln wärmt freundlich, in ihren Augen leuchten kleine Sonnen und ihr Herz ist in Nacht gehüllt.
Woher sie kam – ich weiß es nicht. Sie war einfach da, wie ein guter Gedanke, der einem zur rechten Zeit in den Sinn kommt. Und es war rechte Zeit, höchste Zeit.

Den beiden streitenden Königinnen gefällt sie gar nicht. Sie erscheint am Tage und die Sonne versengt ihr mit glühenden Funkenschauern das schöne Schattenkleid. Eilig flieht sie auf die andere Seite. Doch auch die Königin der Nacht verbannt das milde Wesen zornig aus ihrem dunklen Reich. Ratlos verbirgt es sich in den langen Schatten alter Bäume, versteckt sich in der pflaumenblauen Stille unter den bemoosten, trotzigen Schlehdornhecken. Wo gehört sie nur hin? Dass sie da ist, muss einen Grund haben. Denn nichts geschieht grundlos.

Durch die dichten Blütenzweige des Schlehdorns spähend, beobachtet sie das kriegerische Spektakel, das mit dem Sonnenaufgang einhergeht. Mitleidig betrachtet sie die Verwirrung der kleinen Käfer, die sich eben erwacht aus ihren Blütenkelchen zur Sonne wenden, als die Nacht erneut hereinbricht und sie zum Schlafengehen mahnt. Da weiß sie plötzlich, was zu tun ist. Auf verborgenen Pfaden schleicht sie zu der Grenze, die die Königreiche voneinander trennt. Und schiebt sich sachte zwischen beide.

Eine friedliche blaue Stille legt sich über das Land. Nebel steigt aus den Flusstälern auf. Am samtblauen Nachthimmel leuchtet noch die silberne Sichel des Mondes und an seiner Seite erstrahlt der Morgenstern. Ein zartes Rosa legt sich auf den Erdenrand. Die Blaue Stunde hat ihr mildes Schattenkleid ausgebreitet und besänftigt das wilde Nachtblau der kalten Königin ebenso wie das flammende Rot der aufgehenden Sonne. Ein tiefes Türkisblau entsteht, wie es nur an besonders glücklichen Himmeln vorkommt.

Das ist ein so wundersamer Augenblick, dass alle Dichter im Schlaf tief aufseufzen. Der junge Komponist in seiner kleinen Mansarde beginnt im Traum eine Melodie zu summen, die ihn den ganzen Tag nicht loslassen wird. Der Maler, der bis eben noch schlief, eilt – plötzlich hellwach – zu Palette und Pinsel.

Und die beiden streitenden Königinnen? Lassen sie die Blaue Stunde gewähren? Ja! Stellt Euch vor, auch sie können sich dem friedlichen Zauber nicht entziehen. Eine kleine, aber nicht unbedeutende Rolle spielt auch, dass sie in dieser Stunde an den Rändern ihrer Reiche noch schöner geworden sind. Sich verzückt dem neuen Strahlen ihres Nachtgewandes widmend, überlässt die dunkle Königin der Sonne kampflos das Feld und es beginnt ein klarer, herrlich strahlender Tag.

Die Blaue Stunde aber legt sich unter der Schlehdornhecke zufrieden zur Ruhe. Und als der Abend naht, weiß sie sogleich, was sie zu tun hat: noch bevor die beiden Königinnen einen Streit beginnen, hat sie die Grenze betreten und das zauberhafte Schauspiel beginnt von neuem.

Nun aber sind alle wach und alle schauen. Alle Menschen, alles Getier, selbst die uralten Felsen am Meer. Erstaunt und lächelnd erleben sie die melancholische Glückseeligkeit der Blauen Stunde. Jener einen Stunde zwischen Tag und Nacht, zwischen Licht und Dunkelheit, zwischen Abschied und Willkommen.

(Copyright by Poeta 2016, entstanden als Textgrundlage für ein Tanztheaterstück)

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